„Und dann gehen, ohne sich noch einmal umzusehen.“

Über die Sinnhaft- oder -loisgkeit des Parlamentarismus:
Barbara Ruetting: ‚Die Erkenntnis, wie wenig selbst wir hier im Landtag tatsächlich für die Bewahrung der Schöpfung tun, macht mich sehr traurig‘

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Ich bin in diesem Hohen Haus nicht mehr glücklich, sondern zunehmend frustriert und traurig, weil ich immer mehr erkennen muss, wie wenig ich in diesem Landtag bewirken kann.
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Wenn wieder einmal einer von meinen Anträgen besonders für Verbesserungen im Tierschutz von der CSU abgelehnt worden war, habe ich oft verzweifelt in meinem Büro gesessen und gedacht: Es ist sinnlos, ich gebe mein Mandat zurück und engagiere mich wieder nur außerparlamentarisch.
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Die Menschen sind also durchaus nicht politikverdrossen, sondern nur politikerverdrossen.
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„Ist es gleich Wahnsinn, hat es doch Methode“ – Hamlet.
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Durch den Einzug der beiden neuen Fraktionen ins Parlament sind für die mir am Herzen liegenden Themen auch keine Verbesserungen zu erwarten, im Gegenteil. Bei den Liberalen scheint die Meinung vorzuherrschen, Freiheit bedeutet, dass jede und jeder alles darf – der Mann sein Gewehr im Schrank haben, die Frau den Pelzmantel. Es wird also kaum eine Zustimmung zur längst fälligen Novellierung der Jagd geben, geschweige denn, zu einer Verschärfung des Waffenrechts, obwohl es doch nur eine einzige Antwort auf die zunehmenden Fälle von Waffenmissbrauch geben kann: Das Verbot von Waffen in privater Hand. Denn es sind längst nicht mehr nur die Hunde und Katzen, die Schießwütigen zum Opfer fallen, sondern immer öfter auch unschuldige Menschen, Familienangehörige, Kinder.
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Das mangelnde Verständnis in so gut wie allen Parteien für den Schutz und die Rechte der Tiere ist mir absolut unerklärlich. Vor 25 Jahren, also einem Vierteljahrhundert, habe ich mich aus Protest gegen Tierversuche am Pharmakonzern Schering in Berlin angekettet. Heute ist die Zahl der an Tieren durchgeführten Versuche sogar höher als damals, durchgeführt mit unseren Steuergeldern, für Alternativen ist kein Geld da.
So gut wie nichts hat sich in den letzten Jahren für die Tiere verbessert, nicht die Haltungsbedingungen, nicht die qualvollen langen Transporte, immer neue Mastanlagen werden gebaut, wieder subventioniert mit Steuergeldern.
Kann man in der Bayerischen Politik als Grüne überhaupt etwas bewirken, wurde ich oft gefragt. Man kann – wenn man bereit ist, Anträge immer und immer wieder zu stellen und, wenn man Glück hat, der zunächst von der Union abgelehnte Antrag später unter Unions-Flagge zurück kommt und dann – selbstverständlich – verabschiedet wird. „Ist eben Politik!“
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Dagegen sehen die bisherigen Erfolge eher mager aus, die wichtigsten hätten auch außerparlamentarisch erreicht werden können:
[…]
In der ganzen letzten Legislaturperiode habe ich erst zum Schluss einen einzigen Tag wegen eines Herz-Kreislauf-Zusammenbruchs im Landtag gefehlt. In letzter Zeit haben sich diese Zusammenbrüche gehäuft, so dass mir von ärztlicher Seite dringend geraten wurde, alle politischen und sozialen Aktivitäten zu unterlassen.
Erscheint einem die geleistete Arbeit zunehmend sinnlos, wird man krank. Es ist ein schleichender Prozess, den ich mir erst nach geraumer Zeit eingestanden habe.
Wäre die Erde eine Bank, man würde fieberhaft an ihrer Rettung arbeiten. Unsere Kinder werden uns aber einmal nicht danach beurteilen, wie hoch die Börsenkurse gestiegen und die Wertpapiere geklettert sind, sondern wie wir ihnen diese Erde hinterlassen haben. Die Erkenntnis, wie wenig selbst wir hier im Landtag tatsächlich für die Bewahrung der Schöpfung tun, macht mich sehr traurig. Denn es ginge auch anders: „ Die Erde hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier“ – ein Satz von Gandhi.
[…]
Natürlich könnte ich versuchen, alles „etwas lockerer“ zu nehmen, die Zähne zusammen beißen, die restlichen 4 Jahre aussitzen und einfach immer wieder die gleichen Anträge stellen, wohl wissend, dass sie wieder abgelehnt werden – „Ist eben Politik“.
Das kann und werde ich nicht. Das macht für mich keinen Sinn, und dafür habe ich auch nicht mehr die Kraft.
[…]
Und wenn ich in der Zeitung lesen musste, der Öko-Kaffee habe die Kaffeemaschine verstopft, so dürfte das wohl das geringste Problem hier im Landtag sein.
Ich verabschiede mich von Ihnen – nicht ohne die Hoffnung, dass Sie alle, die Sie hier in diesem Hohen Haus die Bürger und Bürgerinnen vertreten, immer die richtigen Entscheidungen treffen mögen.
„Und dann gehen, ohne sich noch einmal umzusehen.“ (Osho)

Source: Barbara Ruetting

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