Das Monitor-Syndrom

Es gibt eine Krankheit, die vor allem Journalisten, aber auch Kabarettisten, befällt: das Monitor-„Der nächste Beitrag“-Syndrom. Es zeigt sich immer dann wenn ein besonders „kritischer“ journalistischer Beitrag über Korruption, Skandale und Affären in der Politik verfasst wird. Da wird in allen Details die Schlechtigkeit der Berufsdummschwätzer in aller Öffentlichkeit breit getreten und dann wenn die Wut darüber beim Medienkonsumenten so richtig am kochen ist und sich dieser fragt „Was soll man denn dagegen tun?“, setzt bei Journalisten die Tätigkeit der Gehirns aus: Artikel enden urplötzlich mit einem Allgemeinplätzchen, Kabrettisten bringen eine Pointe und TV-Beiträge in Politmagazinen werden mit dem legendären Satz „Der nächste Beitrag“ abgewürgt. Der emotionsgeladene Medienkonsument wird einfach alleine im politischen Regen stehen gelassen. Soll er doch alleine zusehen wie er weiterkommt. Kaum ein Journalist betrachtet es als seine Pflicht konstruktive Systemkritik zu äußern und den Bürgern Vorschläge zu machen wie sie sich gegen diese korrupte Pack wehren können.

Das Pendent zum Monitor-Syndrom auf Medienkonsumentenseite ist der Westentaschenrevolutionär. Dieser ist die Zielgruppe der politischen Journalisten. Er regt sich megamäßig über die Berufsdummschwätzer auf und freut sich gleichzeitig, dass die Journalisten es „denen da oben“ mal wieder so richtig gegeben haben. Er kann sich darüber richtig ereifern und scheut nicht davor zurück seine Mitmenschen in penetranter Weise „aufzuklären“. Er übersieht dabei nur, dass er auch keinen konstruktiven Vorschlag hat, wie sich daran etwas ändern lässt. So wird berechtigte Kritik schnell zum Nervfaktor.

Erklären lässt sich dieses gesellschaftliche Phänomen durch die Jammerlappenkultur in Deutschland. Mangels einer ausgeprägten Protestkultur gegenüber dem Staat, wird in Deutschland an den Stammtischen gejammert. Der Konjunktiv feiert fröhliche Urstände, besonders in seiner extremen Form des doppelten rheinischen Irrealis „Da müsste einer mal …“ und das weiß der Kenner „Das wird nie was!“
Dieses Jammern hat aber eine kathartische Wirkung. Der Deutsche fühlt sich hinterher besser. Er hat den Eindruck mit dem Jammern etwas „getan“ zu haben. Dass es praktisch Selbstbetrug ist spielt keine Rolle. Der Mensch ist sowieso den ganzen Tag am lügen, da kann man sich auch schon mal selbst belügen.
Vor diesem Hintergrund funktioniert das Monitor-Syndrom: es geht gar nicht darum, irgendetwas an Missständen zu ändern, sondern nur, dass der Medienkonsument einen Anlaß zum jammern hat.

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3 Antworten zu Das Monitor-Syndrom

  1. Pingback: » Link des Tages Nachtwächter-Blah

  2. cassielrandomson schreibt:

    „Those wonderful [satirical] Berlin cabarets of the ’30s which did so much to stop the rise of Hitler and prevent the outbreak of the Second World War“ – Peter Cook

  3. cassiel schreibt:

    Auch Günter Wallraff ist nicht viel besser,

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