Deutschland, das Land der dichten Denker

Anlässlich eines in Telepolis abgedruckten E-Mail Interviews mit dem Autor des Videos „Die Zerstörung der CDU“ und den Reaktionen auf meinen kritischen Kommentar im zugehörigen Forum, muss ich nach längerem Nachdenken doch mal mein Gedanken über den geistigen Zustand dieses Landes in der Mitte Europas in Worte fassen.

Gut. Den Deutschen wurde seit 1848 mit Rohrstock, Befehl und Gehorsam, Pulver und Blei jeglicher demokratischer Geist nachhaltig ausgetrieben. Wir kennen nichts anderes als Feudalismus, Diktatur, Faschismus und bestenfalls einen perfiden Abklatsch von Demokratie. Aber wenn ich mir den Zustand im Jahr 2019 und speziell der vorgeblich intellektuell-kritischen Kräfte in Deutschland ansehe, dann ist das doch sehr beschämend, wie sehr hier noch im politischen Laufställchen und systemunkritisch agiert wird.
Praktisch niemand®™ stellt dieses System mit seinen korrupten, machtzerfressenen Politikern, Parteien, „Qualitätsmedien“, „unabhängigen Justiz“, „freien“ Wahlen und seiner „freiheitlich, demokratischen Grundordnung“ *kotz* in Frage. Drei Tage vor der Wahl zum EU-Parlament schallt es aus allen Ecken wieder „Wählen gehen! Wählen gehen!“ – auch aus dem vorgeblich kritischen Mileu wie o.g. youtube-Vlogger, der aber selbst nicht weiß was er wählen wird.

Wie beschämend dies alles ist, zeigt ein Blick in unsere Nachbarländer. Die Schweiz macht uns schon seit über 150 Jahren vor wie echte (direkte) Demokratie geht. In Großbritannien stimme Schotten über ihre Unabhängigkeit und das ganze Land über den Austritt aus der EU ab. In Frankreich gehen die Gelbwesten für (direkte) Demokratie auf die Strasse und in Katalonien wird in einem spanischen Zentralstaat, der deutlich postfaschistischer geprägt ist und einen vergleichbaren demokratischen Braindrain wie Deutschland hatte, sogar eine Volksabstimmung selbst organsisiert und gegen Polizeigewalt friedlich durchgeführt. Ein deutsche Beobachter der nachfolgenden Schauprozesse gegen die vermeintlich Verantwortlichen für diesen „Aufstand“ bzw. „gewaltsame Erhebung“ konstatiert, dass er sowas, einen selbstorganisierten Volksentscheid, noch nie erlebt habe. Das ist das beschämende Urteil über Deutschland: halb Europa macht uns politisch-emanzipatorisch was vor! Nur wir Boche, Krauts, wir deutschen Michel mit den Schlafmützen kommen nicht aus dem Mustopf raus und reden uns alle miteinander unser System schön. Es sind vorgeblich immer nur einzelne korrupte Politiker, Parteien, Skandale, Amigos. Die „Demokratie“ ist immer nur bedroht, aber wir haben sie ja angeblich „noch“.

Da muss man sich doch eigentlich an den Kopf schlagen und fragen: was geht in diesem Land eigentlich ab? vor allem wenn selbst die von denen man annehmen könnte, dass sie es besser wissen sollten, also das was man als außerparlamentarische Bürger-Opposition bezeichnen könnte und sich im Internet wie jener Vlogger mit Millionen von Klicks profiliert, oder was sich in Foren wie bei Telepolis entsprechend profiliert, wenn selbst jene wenn es um die Systemfrage geht, resigniert abwinken oder sich gar explizit gegen (direkte) Demokratie aussprechen?

Nein, ich verstehe es nicht, wie man sich so seinen Kopf in den eigenen Arsch stecken kann und den letzten Rest von politisch-emanzipatorischer Selbstachtung preis gibt. Was müssen wir Deutschen für ein traumatisiertes Volk sein, dass wir freiwillig und ohne, dass uns jemand die Pistole auf die Brust setzt so kleinmütige Untertanen bleiben, selbst wenn wir auf das System bzw. seine Protagonisten schimpfen?
Vor allem wenn die Opposition in Länder wie im ebenfalls postfaschistisch und durch einen blutigen Bürgerkrieg gezeichneten Spanien uns noch was vor machen.

Der kapitalistische Wohlfahrtsstaat

Ich weiß es nicht. Ich habe nur ein paar Arbeitshypothesen, die aber kein wirklicher Grund sind, aber vielleicht eine Erklärung. Man kann der deutschen Staatsmafia, das korrupte Konglomerat aus Wirtschaft, Politik, Justiz, Verwaltung, Massenmedien und staatlichen bzw. gleichgestellten Institutionen, viel vorwerfen, aber es ist ihr vielleicht wie in keinem zweiten Land in Europa gelungen das Konzept des kapitalistischen Wohlfahrtsstaates zu verwirklichen und die Bevölkerung damit unbewußt einzuschläfern. Der „Kartätschenprinz“ und spätere Wilhelm I. schoss die Demokraten noch einfach nieder. Bismarck begann mit gezielten, staatlichen Wohlfahrtsmaßnahmen den immer wieder aufkommenden politisch-emanzipatorischen Bestrebungen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Adenauer hat das dann in der BRD perfektioniert. Das Ergebnis: ein Volk – oder besser ein größerer Teil davon – geniesst materielle und finanzielle Sicherheit durch staatliche (oder institutionell gleichgestellte) Kranken-, Renten-, Kranken-, Arbeitslosen-, Erwerbsunfähigkeit und sonstige Versicherungen. Insbesondere das linke, intellektuell-kritische, grüne Milieu aus dem die meiste Kritik kommt, lebt weitgehend im Wohlstand. Und Wohlstand macht eben satt. Der Intellekt sagt zwar ständig wie schlecht und korrupt dieses System ist: Klimaschutz, Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit, Kapitalismuskritik, aber das Unterbewußtsein sagt: „Ich habe (materiell) alles. Mir fehlt an nichts. Setz dich hin und genieße“. Und dann nach einer politskandalerfüllten „Monitor“-Sendung sagt der Wohnzimmerrevoluzzer „Na, denen da oben haben sie es aber mal wieder gegeben“. Und lehnt sich zufrieden in seinen Ohrensessel, in der gut geheizten Wohnung oder im Eigenheims im Grünen mit Garage, Pkw und zwei mal im Jahr in den Urlaub fliegen, zurück.
Und jemand der unbewusst so satt ist, der wehrt sich dann auch nicht gegen ein solches System, egal wie kritisch er vom Bewusstsein gegenüber dem Staat eingestellt sein mag und wie laut er auch seiner Kritik am (virtuellen) Stammtisch Luft macht. Der kapitalistische Wohlfahrtsstaat wird ihn sogar noch ermuntern seine Kritik zu äußern und dies sogar noch institutionalisieren wie in Form dieser Politmagazine a la „Monitor“. Jammern ist ok. Nur eins ist „verboten“: Systemkritik und konstruktive Vorschläge wie es besser geht und dafür wohl auch noch auf die Strasse gehen. Und deswegen wird man das in der institutionalisierten Pseudokritik dieser Politmagazine auch nie zu hören bekommen.
Deutschland das Land der dichten, wohlstandsbesoffenen Denker mit dem Brett vor dem Kopf.
Wenn sich o.g. Vlogger die gleiche, aber konstruktive Mühe mit echter (direkter) Demokratie gemacht hätte, wie er sie destruktiv mit der CDU gemacht hat … wenn, ja, wenn … hat er aber nicht und wird er auch nicht. Sturm im Wasserglas. Das Stehaufmännchen CDU wird auch Rezo nicht „zerstören“. Ab Montag wieder: business as usual.
Und ich bin mir auch sicher, dass er mit einem konstruktiven, systemkritischen Video über echte (direkte) Demokratie nicht die Aufmerksamkeit bekommen hätte, wie mit seinem Zerstörer-Video, schon gar nicht von den Systemmedien, die von dieser Systemkatharsis („Monitor“-Syndrom) leben.

Das ist wie gesagt eine Erklärung, keine Rechtfertigung. Ich kann es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren mich derart von diesem System einlullen zu lassen, obwohl ich selbst auch von diesem Wohlstand profitiere. Mir hat 1992 als ich durch einen massenmedialen „Betriebsunfall“ das erste Mal von echter (direkter) Demokratie hörte, niemand zwei mal sagen müssen wie wichtig das ist. Und deswegen werde ich am nächsten Samstag meine Gelbweste mit auswechselbaren Slogans anziehen, in die FuZo gehen und vor den Ständen der Parteien öffentlich symbolisch Wahlzettel verbrennen. Ja, wir können vielleicht nicht viel tun und es ist nicht unwahrscheinlich, dass das System erst aus sich heraus implodieren muss um zu seinem Ende zu kommen.
Aber für mich ist es eine Frage der Selbstachtung in wie weit ich mich zum Deppen und nützlichen Idioten dieses Systems mache oder es gar noch in Schutz nehme und gegen Systemveränderung aktiv anrede wie es nicht wenige Greta-Anhänger tun.
Und dass ich mich am Sonntag nicht an diesem Demokratie-Kasperletheater für Erwachsene beteilige und mich freiwillig selbst entmündige, ist Ehrensache.

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7 Antworten zu Deutschland, das Land der dichten Denker

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  2. atalanttore schreibt:

    Direkte Demokratie fordern, aber vor den Ständen der Parteien öffentlich symbolisch Wahlzettel verbrennen. Da bekommen die Politiker direkt einen „guten“ Eindruck von den Befürwortern direkter Demokratie. ;)

    • cassiel schreibt:

      Falscher Adressat! Politiker(marionetten und deren Strippenzieher) und alle anderen die ihren Kopf im eigenen oder dem anderer Leute Arsch haben wollen eh nix von (direkter) Demokratie wissen und fürchten sie wie der Teufel das Weihwasser. Und wenn es sie ärgert, um so besser. Lieber ein PITA als lau.
      Wohin „Sich bei den Politikern lieb Kind machen“ führt kann man sehr gut am Verein „Mehr Demokratie e.V.“ beobachten, die nur noch ein Schatten ihrer selbst sind und jegliche Selbstachtung und ihre ursprünglichen Werte und Ziele de facto aufgegeben haben.
      Das gehört zu dem Untertanen-Wahnsinn in Deutschland dazu, dass alle Untertanen-Kaninchen auf die Politiker-Schlange starren und meinen die sollte/könnte/müsste man von (direkter) Demokratie überzeugen oder man müsste die vermeintlich weniger schlimmen Politiker wählen um die vermeintlich schlimmeren zu verhindern. Nur:
      Wer glaubt von Politikern sei irgendeine Rettung zu erwarten,
      der glaubt auch einem Piloten, der im Flieger mit umgeschnalltem Fallschirm durch die Sitzreihen schreitet und verkündet
      „Keine Panik! Ich spring nur schnell ab und hol Hilfe.“

  3. cassiel schreibt:

    So ich komme gerade vom Single-Flash-Mob „Wahlzettel in der Fuzo verbrennen“.
    Das Anzünden war wegen des Windes leider etwas schwierig, aber ich hab fast alle verbrannt bekommen. Vorher knüllen und dann innen anzünden ging besser.
    Von den etablierten Parteien kam wie zu erwarten Null Reaktion, nicht mal ignoriert. Nur von „Die PARTEI“ gab es verhalten positive Rückmeldung, aber auch nicht wirkliches Interesse. Und als es ans Eingemachte ging, haben sie die linientreuen, institutionellen Parteigänger raushängen lassen. Einer hatte nur Angst ich könnte den Pavillion anzünden und hat mich vor der Polizei „gewarnt“, die gleich um die Ecke stehen würde. Also sowas von Hosenschisser … war aber nicht anders zu erwarten. Mich beim Wahlzettel verbrennen filmen und auf youtube stellen wollte auch keiner von den PARTEI-Soldaten.

    Die erste wirklich nennenswerte und gleich positive Reaktion kam – wie immer – von den einfachen Leuten, denen ich begegnet bin. Beim Einkaufen als ich mit meiner Wechselgelbweste an der Kasse stand. Auf einmal kam von einer Mitarbeiterin dort eine Reaktion, wie wahr doch mein Spruch („Nie wird soviel gelogen ….“) auf meinem Rücken sei.
    Es ergab sich gleich ein anregendes, überaus positives Gespräch über (direkte) Demokratie an dem sich nach und nach auch noch andere Mitarbeiter interessiert beteiligten.
    Zum Schluß hab ich dann einen von ihnen noch gebeten mich draußen auf der Strasse symbolisch beim Wahlzettel verbrennen zu fotografieren. (Ja, das im Hintergrund ist ein Polizeiwagen)
    Und eine andere Frau hat später auch noch den Spruch auf meinem Rücken und meine anderen Spruchkärtchen fotografiert. Sie sagte zwar sie sei anderer Meinung, aber na gut. Das ist ja jedermanns gutes Recht.

    Alles in allem. Sehr interessante Erfahrung. Kann ich jedem nur empfehlen. Ist ja auch wirklich einfach: Gelbweste besorgen, transparentes Panzerband, von einer Verpackung transparenten Kunststoff ausschneiden und als Tasche aufnähen. Sprüche ausdrucken und einlaminieren. Fertig. Das schwierigste dürfte sein argumentativ und rhetorisch vorbereitet zu sein. Aber ich gehe mal davon aus, dass jeder der hier mitliest auch meine Website über echte (direkte) Demokratie kennt und zumindest mit den Basics vertraut ist. Ansonsten hilft nur: Übung und Erfahrung.

  4. Carlo schreibt:

    »Was müssen wir Deutschen für ein traumatisiertes Volk sein, dass wir freiwillig und ohne, dass uns jemand die Pistole auf die Brust setzt so kleinmütige Untertanen bleiben, selbst wenn wir auf das System bzw. seine Protagonisten schimpfen?«

    Stichwort: Untertanenprozess ( https://deacademic.com/dic.nsf/dewiki/1440122 )
    Die Erziehung zur Obrigkeitshörigkeit begann schon lange vor 1848.

  5. Trebon schreibt:

    Kann auch umgekehrt sein: Den Menschen geht es gut, Sie sehen keine Notwendigkeit etwas zu ändern. Nur weil du (und teilw. auch ich) irgendwelche abstrakten Ziele und Träume von einer „besseren Welt“ im Kopf haben ist doch keiner gezwungen das auch so zu sehen.

    Sie können auch auf eine sehr lange Kette von Erfolgen verweisen. Auch und gerade bei den strittigen Themen. Rechtsanspruch auf Versorgung im Notfall (und komplett, vom Wohnen über medizinische Versorgung, Lebensmittel usw). Funktionierende Recyclingsysteme, Umstellung auf erneuerbare Energien, schnelles und erfolgreiches reagieren auf Problem wie „saurer Regen“ oder Ozonloch oder auch Finanzkrise, kostenlose Bildung, eine relativ gute Infrastruktur und zumindest hier ein verdammt pünktlicher und fast immer sauberer ÖPNV.

    Die Brötchen sind knusprig und Benzin erschwinglich. Was soll da ein politisch eher ignoranter Zeitgenosse groß anderes wollen? Revolution? Bolschewiki oder Pol Pot?

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