Warum es keine solidarische Systemopposition gibt

oder: warum das Märchen vom gemeinsamen, solidarischen Handeln selbst unter vermeintlich Gleichgesinnten das ist was es ist: ein Märchen.

Wenn ich mir ansehe wieviele – vorgeblich ach so kritische, selbstdenkende Geister – sich an der Gendermania aktiv beteiligen und kritische Kommentare und Argumente dagegen ignorieren, aber gleichzeitig zu Spenden für sich aufrufen, dann kriegt mein Geldbeutel Maulsperre. Am Gendern erkennt man wer wirklich kritisch denken kann, oder wer in seinem „kritischen“ Denken doch nicht das ideologische Laufställchen verlassen kann und zwar den Splitter im Auge des anderen sieht, aber nicht den Balken vor dem eigenen Hirn und die wenn es drauf ankommt, dir doch das Messer zwischen die Rippen schieben. Es gibt auch noch andere, die zwar nicht gendern, dir dafür aber kommunikativ oder direkt verbal eins in die Fresse hauen. Auch nicht besser, aber letzteres wenigstens ehrlich und ohne Heuchelei. Alles -vordergründig und nicht alle – Gründe, dass es gegen dieses System keine solidarische Opposition gibt und auch nicht geben wird. Den vorgeblich kritischen Geistern mangelt es eben an kritischer Selbstreflexivität, insbesondere was das soziale Verhalten gegenüber denjenigen betrifft, die mit ihnen im wesentlichen überein stimmen und mit denen sie sich solidarisieren könnten.
Aber warum ist das so? Es ginge ja auch anders. Ohne Ideologie und ohne kommunikative und verbale Ausfälle unter die Gürtellinie. Was treibt die Menschen dazu es sich aktiv mit ihren andersdenkenden und sogar ähnlich denkenden Mitmenschen so zu verscherzen?
Beim digitalen Aufräumen habe ich neulich ein altes SWR-„Leute heute“-Interview mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer ausgegraben. Dachte zuerst „Na, das kann eigentlich auch weg“. Hab dann aber doch noch mal reingehört, wenigstens um zu wissen warum ich es wegwerfe. Und dann habe ich mir es doch noch mal ganz angehört und eine Stelle ist bei mir hängen geblieben, wo er sagt, dass in unserer Erziehung das „gute Argument“ eine viel zu geringe Rolle gespielt hat. Wer hat schon die von ihm beschriebene Szene erlebt wo die Eltern auf Frühstückstisch zu ihrem Kind sagen: „Wir haben uns das von gestern noch mal überlegt und deine Argumente haben uns überzeugt. Wir machen es so wie du es vorgeschlagen hast“. Also ich kann mich an keine einzige solche Situation mit meinen Eltern erinnern und wenn es sie gegeben hätte, würde ich mich mit Sicherheit daran erinnern. Eine ähnliche Solidarität habe ich nur von meiner mir sehr nahe stehenden Oma erfahren, die sich auch als erste in der Familie von meinen neuen Ideen zu Tierrechten und echter (direkter) Demokratie hat überzeugen lassen. Meine eigene Überzeugung vom „guten Argument“ habe ich mir bestenfalls schwer erarbeitet, aber nicht mit der Muttermilch mitbekommen. Und so dürfte es nicht wenigen, wenn nicht der Mehrzahl der heute lebenden Erwachsenen ergangen sein, speziell in Deutschland mit seiner praktisch schon traditionell autoritätshörigen Gesellschaft. Das berühmte „Solange du deine Füße unter unseren Tisch stellst …“ kommt schließlich nicht von ungefähr. Und dieses Autoritätsgehabe tradiert sich eben und wenn man kaum bis nie die Anerkennung der eigenen Argumente in der Kindheit und Jugend erfahren hat, dann tut man sich als Erwachsener entsprechend schwer die Argumente anderer anzuerkennen oder auch nur ernsthaft zu prüfen. Eingestehen will sich das natürlich niemand offen. Und so werden entsprechende taktische Abwehrstrategien entwickelt: man ignoriert, man setzt Dogmen, man greift die Person mit der abweichenden Meinung ad hominem an oder wird eben direkt ausfallend und beleidigend. Allen gemeinsam ist, dass der andere nicht als (demokratisch) gleichwertig akzeptiert wird, sondern in ein autoritäres Schema gepresst wird, so wie man es in der Kindheit gelernt hat. Dieses Denken bleibt auch dann noch – wenn auch unterbewußt – wenn man sich – scheinbar – von diesem autoritären Zwangsverhältnis emanzipiert zu glauben scheint und gegen die Autoritäten in Familie, Staat und Gesellschaft rebelliert. So wie der Obere den Unteren nicht als (demokratisch) gleichwertig anerkennt, erkennt auch der rebellierende Untere den Oberen nicht als in diesem Sinne gleichwertig an. Und Ideologien sind auch nichts anderes als argumentativ nicht überzeugende, geistige Autoritäten, die vom Autoritätshörigen gesucht und anerkannt werden; häufig die gleichen wie die soziale Gruppe, oder eben andere zwecks Abgrenzung. Und ebenso da wo der Untere selbst mal der Obere ist oder meint es zu sein. Bei diesen permanenten Machtspielchen kann es gar keine Solidarität geben, nicht mal unter den Gleichgesinnten. Weil sobald irgendeine Differenz auftaucht, taucht auch wieder die unbewußte oder unterdrückte Autoritätsfrage auf und der Spaltpilz feiert wieder fröhliche Urstände. Mit der Empathie sind dann auch schnell Höflichkeit und Anstand über Bord geworfen, wie auch jegliches Bemühen um einen demokratischen Ausgleich. Letzteres habe ich mir in über 25 Jahren in denen ich mich mit echter (direkter) Demokratie befasse, schwer erarbeitet und in emotional aufgeladenen Situationen fällt es mir immer noch schwer. Und da ist es auch schwer daran zu glauben, das würde anderen einfach so zufliegen. Ich habe in meinem Leben bisher nur sehr wenige Menschen kennen gelernt, die ein solches Verhalten von sich aus an den Tag gelegt haben. Entweder der andere war von sich aus so, oder die Verbindung wurde von der einen oder anderen Seite früher oder später beendet. Einen autonomen Lernprozess in dieser Hinsicht habe ich noch nicht beobachtet. Aber wirklich Neues lernt ein Erwachsener auch nicht mehr. Und wer in der Kindheit keinen „warmen Ofen“ hatte, bei dem er es zumindest im Ansatz hätte lernen können, tut sich als Erwachsener eben sehr, sehr schwer damit, so er es überhaupt versucht.

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